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Kurt Georg Kiesinger: …und die NSDAP (1)

 

Kurt Georg KiesingerKurt Georg Kiesinger wurde am 6. April 1904 im oberschwäbischen Ebingen geboren. Der Vater, Protestant, war kaufmännischer Angestellter in einer Textilfabrik. Seine Mutter, eine Katholikin, starb bald nach seiner Geburt. Kurt Georg wuchs mit sechs Halbgeschwistern aus zweiter Ehe seines Vaters auf. Die Kiesingers lebten in kleinen aber geordneten Verhältnissen.

Nach Besuch des Lehrerseminars in Rottweil studierte Kiesinger zunächst in Tübingen, dann in Berlin Pädagogik, Philosophie, Literatur und Rechtswissenschaft. Die Eltern freilich hätten sich die Finanzierung der Ausbildung nicht leisten können. Da erschien es dem jungen Studenten wie ein Geschenk des Himmels, als er in dem Ebinger Fabrikanten Friedrich Haux, einem Freund seines Vaters, einen Förderer fand, der ihn großzügig unterstützte - bis er tragischer weise 1928 bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte. Die ersten Gedichte, die der musisch begabte Jüngling im heimischen Neuen Albboten veröffentlichte, hatten es Haux angetan. Das poetische Erstlingswerk seines Schützlings Wollfahrt zu Gott ließ er sogar auf eigene Kosten verbreiten.

Foto: © slomifoto.de


An Weihnachten 1932 heiratete er die junge Berliner Anwaltstochter Marie-Luise Schneider. Wenige Wochen später trat Kiesinger der NSDAP bei. In seinen Memoiren berichtet er von einem "rauschhaften Optimismus", der nach Hitlers Machtergreifung geherrscht habe, und gestand: "Das von den Nationalsozialisten verkündete Ziel der Volksgemeinschaft und das Versprechen, die wirtschaftliche Not zu beenden, sowie der Wunsch, Deutschland aus der Stellung eines Parias unter den europäischen Völkern zu befreien, machten mir Eindruck." Seine spätere Begründung, er sei der NSDAP schließlich beigetreten, um "von innen heraus" Hitler und seine Partei zu beeinflussen und den nationalsozialistischen Rassenwahn "dort zu bekämpfen, wo er genährt wurde", wirkt allerdings nicht nur naiv, wie Kiesinger im Nachhinein selbst meinte, sondern überdies auch reichlich konstruiert. Tatsächlich dürfte er auf der ersten Begeisterungswelle für das neue Regime mitgetragen worden sein. Als Eintrittsdatum nennt Kiesinger Ende Februar, "noch vor dem Reichstagsbrand". Registriert wurde seine Mitgliedschaft von den Parteibehörden am 1. Mai, also nach dem ersten organisierten Boykott gegen Juden. Ein Jahr später meldete sich der Referendar Kiesinger freiwillig beim ?Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps (NSKK)" in der Hoffnung, "dort Männer bürgerlich-konservativer oder liberaler Tradition vorzufinden". Auch dies war eine nachträgliche Begründung. Der "Röhm-Putsch" am 1. Juli 1934, bei dem Hitler ihm unbequeme SA-Führer eiskalt ermorden ließ, war freilich ein frühes Anzeichen für die eigentlichen Ziele des Regimes. Kiesinger erließ die Motor-SA.

Kurt Georg KiesingerNach bestandenem Abschlussexamen schlug Kiesinger "aus Gewissensgründen" das Angebot für eine staatliche Richterstelle aus, ließ sich 1935 als Rechtsanwalt am Kammergericht in Berlin nieder und gab, wie schon zu Studienzeiten, nebenher Privatkurse für Jurastudenten. Ehemalige Schüler betonten später seine gegen das Regime gerichtete Gesinnung: "Ich bewunderte den Mut, mit dem er im Gegensatz zu anderen ehemaligen Rechtslehrern und in einem dafür immer noch gefährlichen großen Kreis – für Recht und Gerechtigkeit eintrat" schrieb der Rechtsanwalt Albrecht Pünder. Der Berufsorganisation für Juristen, dem "Nationalsozialistischen Rechtswahrbund (NSRB)", trat Kiesinger nicht bei, obwohl sich dies als nachteilig erwies.

Die folgenden Jahre verhandelt Kiesinger, einige kleinere Fälle am Kammergericht, verdiente sich seinen Lebensunterhalt jedoch mit den Repetitorien. Zweimal setzte er sich erfolgreich für Inhaftierte bei der Gestapo ein. Nach den Novemberpogromen 1938 trug sich Kiesinger, von der fortschreitenden "Zerstörung des Rechts" und "menschenfeindlichen Rassenwahn" entsetzt, mit dem Gedanken an auszuwandern. "Rolandia", eine deutsche Siedlung Brasilien, hatte es ihm angetan. Da ihm das Startkapital fehlte, verwarf er die Idee. Darüber wie sehr sich Kiesinger bei seiner Arbeit in das nationalsozialistische Regime verstricken ließ, gehen die Meinungen auseinander. Kiesinger kam als "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" in die Rundfunkpolitische Abteilung des Außenministeriums. Drei Jahre später stieg er zum stellvertretenden Abteilungsleiter auf. Er betreute das Referat A, den Rundfunkeinsatz, und das Referat B, allgemeine Propaganda. Seine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, gegenüber dem rivalisierenden Propagandaministerium die Interessen des Auswärtigen Amtes zu wahren.

 


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